Buchbesprechung: ERIC VUILLARD: DIE TAGESORDNUNG

Ein schmales Bändchen über die Sauereien hinter verschlossenen Türen. Über den Pakt des Kapitals mit den zunächst finanzschwachen Nazis. Über das Treffen mit Schuschnigg, Papen und Hitler in Berchtesgaden… Aber der Reihe nach: Am 20. Februar 1933 treffen sich 24 Industriegrößen mit Hitler und Göring zwecks Fundraising. Hitler teilt den mächtigen Charaktermasken aus Finanz und Industrie klipp und klar mit, dass seine Partei Geld braucht. „Es gelte, mit einem schwachen Regime Schluss zu machen, die kommunistische Bedrohung abzuwehren, die Gewerkschaften abzuschaffen und jedem Chef zu erlauben, in seinem Unternehmen ein Führer zu sein.“

(!Kommt das uns heute nicht bekannt vor?)

Und alle lauschen andächtig und alle nicken zustimmend: Opel, Krupp, Quandt, Tengelmann, Direktoren von I.G. Farben, etc. 24 „Echsen“. (Heute kommen sie smart und durchtrainiert daher.) Sie haben alle „überlebt und sind uns bestens bekannt als BASF, BAYER, AGFA, OPEL, I.G.FARBEN, SIEMENS, ALLIANZ, TELEFUNKEN.

Sie sind hier unter uns, zwischen uns. Sie sind unsre Autos, unsre Waschmaschinen, unsre Reinigungsmittel, unsre Hausversicherung und die Batterie in unsrer Uhr. Sie sind überall, in Gestalt von Dingen und lullen uns ein.“
Am 12. Februar 1938 begibt sich Schuschnigg, als Skifahrer verkleidet, nach Berchtesgaden zu einem Treffen mit Hitler. Ein Papier wird unterzeichnet: Es fordert das Bekenntnis zur nationalsozialistischen Weltanschauung in Österreich und die Ernennung des Nazis Seyß-Inquart zum Sicherheitsminister mit unbeschränkter Polizeikompetenz. Außerdem fordert es die Amnestie aller inhaftierten Nazis in Österreich usw. Und Schuschnigg gibt nach. Man begnadigt die Dollfuß-Mörder.

Die österreichische Regierung glaubt, dass die Deutschen den Einfall in ihr Land vorbereiten. Man meint Hitler besänftigen zu können, indem man ihm seine Heimatstadt Braunau offeriert- mitsamt seinen Einwohnern. Die SA marschiert mit großen Fahnen durch Linz. Schuschnigg erschreckt sich ein bisschen spät. Er bittet die seit 4 Jahren verbotenen Gewerkschaften und die sozialdemokratische Partei um Unterstützung. Er leitet eine Volksbefragung über die Unabhängigkeit des Landes vor. Pustekuchen! Er landet für 7 Jahre im Gefängnis, wird von den Amis befreit und übersiedelt in die USA, um als vorbildlicher Amerikaner Uniprofessor zu werden.

„Während die Nazis schon die wichtigsten Machtzentren besetzt haben, während in Wien Szenen des Wahnsinns toben- mörderische Aufständische, Feuersbrände, Geschrei, Juden, die an den Haaren über trümmerübersäte Straßen geschleift werden-, während die großen Demokratien nichts zu merken scheinen, England gemütlich schnurrend zu Bett gegangen ist, Frankreich in süßen Träumen schwebt und kein Hahn nach Österreich kräht, ernennt Miklas den Nazi Seyß-Inquart zum österreichischen Bundeskanzler. Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen“.
Das Buch umfasst nur 118 Seiten, ist aber lehrreicher und informativer als manch historischer Schinken. Es kommt als Erzählung daher und charakterisiert schmonzettenhaft die Figuren, die aus Feigheit, Unvermögen, Egoismus und Machtstreben den Anfang vom Ende zugelassen haben.
Flacher Humor ist in dem Buch fehl am Platz. Hinter satirisch- ironisch- zynischem Biss scheint der Ekel auf, der sich über braunschwarzem Abgrund durchs Buch zieht.

Vuillard hat dafür sehr verdient den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs bekommen, den Prix Goncourt.
Drück den SchülerInnen im Geschichtsunterricht dieses Buch in die Hand, und sie haben mehr gelernt als in vielen langweiligen und teils geschönten (verlogenen) Geschichtsstunden.

Sylvia Dürr

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