Das fortschrittliche Tirol trauert um Dr. Karl Nemec

Wenn von der Caritas, über die Ärztekammer bis zur KPÖ die Betroffenheit über den Tod von Karl Nemec groß ist, dann ist selbst das nur ein Hinweis und gibt nur im Ansatz wieder, wie groß der Respekt, wie breit das Spektrum seines Wirkens war, wie tiefgehend die Spuren sind, die er in der politischen und menschlichen Landschaft unseres Landes hinterlassen hat.

Und wie könnten sich Anerkennung und Verbundenheit besser zeigen, als dass sich viele seiner PatientInnen, KollegInnen, MitstreiterInnen, GenossInnen auch freundschaftlich mit „Charly“ verbunden fühlen, über alle sozialen und beruflichen Grenzen hinweg, über alle politische Gräben drüber, solange sie dem Humanismus und Antifaschismus verpflichtet sind.

Charlys Weltbild war klar das eines Marxisten, und er war stolz darauf und es hat ihm geholfen, auf viele seiner Fragen Antworten zu finden und für sein vielfältiges Engagement nutzbar zu machen. Aber er war auch der, der er nie aufgehört hat Fragen zu stellen oder sich mit unzulänglich beantworteten Fragen zufrieden zu geben. Und so war auch sein Verhältnis zur KPÖ. Er war einerseits ohne irgendwelche Berührungsängste und hatte große Wertschätzung gegenüber unserem Engagement und der von uns vertretenen gesellschaftlichen Perspektiven, aber er war auch Skeptiker und Kritiker einer politischen Arroganz und eines Alleinvertretungsanspruch von Wahrheit. Es war die Bescheidenheit des Revolutionärs, auch mal nicht weitergewusst zu haben und es war die Kompromisslosigkeit des Revolutionärs, falsche Antworten zu entlarven und sich ihnen entgegenstellen, und es war die Liebe des Revolutionärs zu den Menschen, nie aufzugeben.

Charly war kompromisslos auf der Seite der Schwachen und sozial Ausgegrenzten, seine Kritik galt den krankmachenden, unsozialen Lebensbedingungen, sein Engagement war die individuelle Hilfe für seine PatientInnen (weit über die Öffnungszeiten der Praxis und den abrechenbaren Leistungen der Krankenkassen hinaus), und die Ausdauer, mit denen er politisch Verantwortliche, Klinikvorständen, Behördenvertretern u. a. mit Unzulänglichkeiten konfrontierte und Änderungen forderte (ich glaub es gibt keine_n Gesundheitsminister_in der letzten 30 Jahre, denen Karl Nemec kein Begriff ist!). Er war charismatisch und undiplomatisch, er war Realist und Träumer, er war mutig, manchmal über seinen Mut hinaus. Er war der Lobbyist für die von der Gesellschaft Ausgegrenzten, hat den Suchtkranken eine Stimme geben und damit ein Stück ihrer Würde, er hat für die Öffnung und Demokratisierung der Psychiatrie gekämpft und mitgeholfen ein dunkles Kapitel der Medizingeschichte aufzuarbeiten, er war durch sein humanistisches Wirken Vorbild für viele ÄrztInnen und hat so als Allgemeinmediziner, Familien- und Bergdoktor, Psychosomatiker, Betriebsarzt, Suchtmediziner mit dazu beigetragen, die Welt ein Stück wärmer zu machen. Er war Arzt mit Leidenschaft, ein Helfender mit großem Herz und Gefühl, politisch Handelnder mit klarem Verstand und ein Mensch mit ganz viel Humor und Lebensfreude.

Die Praxis in der Jahnstraße (ich bin für die sofortige Umbenennung in Dr. Karl Nemec Straße!) war nicht nur Zufluchtsort für Kranke und andere Hilfesuchende, sie war auch Treffpunkt und Kommunikationszentrum, Planungs- und Denkzentrale des überparteilichen linken Widerstands, manchmal aber auch nur ein Ort, um gemeinsam zu trinken. Weil kämpfen und feiern zusammengehören, weil gut Essen und Trinken und Musik die Sinne anregen und Neues entstehen lassen können, jedenfalls aber das Belohnungssystem in unseren Hirnen so aktivieren, dass die Leidenschaft zu kämpfen nicht verloren geht. Und seine Leidenschaft zu kämpfen wie die zu leben war bis zuletzt ungebrochen, auch wenn die Kraft nicht mehr gereicht hat. Danke Charly, RIP.

Von Ekkehard Madlung-Kratzer