Einige Gedanken zum Frauentag

Dass Geschlechtergerechtigkeit noch lange nicht erreicht ist, ist anhand der UNO-Daten leicht ersichtlich: Frauen erledigen zwei Drittel der weltweit geleisteten Arbeit, produzieren die Hälfte aller Lebensmittel, erhalten ein Zehntel aller Einkommen weltweit und besitzen ein Prozent des Vermögens weltweit.

Der 8. März ist der Tag, an dem daran erinnert werden muss, dass der Kampf um die Gleichberechtigung von Mann und Frau dazu geführt hat, dass sich die Lebenssituation von Frauen vor allem im Norden seit 1909, als in den USA der erste Frauentag begangen wurde, in vielerlei Hinsicht qualitativ verbessert hat. Doch eines bleibt dennoch klar: Trotz Angela Merkel und Christine Lagarde ist die Gesellschaftsform immer noch eine patriarchale. Frauen können zwar Machtpositionen innehaben, aber in erster Linie dann, wenn sie sich als die „besseren Männer“ erweisen als Männer selbst. Die gläserne Decke ist noch nicht durchbrochen. Vielmehr ist die kapitalistische Gesellschaftsformation und damit die Möglichkeit der privaten Aneignung der gesellschaftlichen Arbeit vieler durch einige wenige an sich patriarchal.

Anlehnend an die ethnologischen Studien von Lewis Henry Morgan haben Karl Marx und Friedrich Engels bereits festgehalten, dass das Patriarchat keineswegs der Urzustand der Menschheit ist. Vielmehr verlief die Entstehung von Patriarchat und Privateigentum nicht nur parallel, sondern eng miteinander verschränkt. Die Aneignung des weiblichen Körpers und damit die Aneignung seiner Reproduktionsfähigkeit durch den Mann entspricht der Aneignung fremder menschlicher Arbeit. Die Unterdrückung und Ausbeutung der Frau durch den Mann ist die Unterdrückung und Ausbeutung par excellence.

Solange es ökonomische Ungleichheit gibt, wird auch die Geschlechtergerechtigkeit allenfalls unvollständig erreicht sein. Solange Finanzmärkte und Waffen die Welt beherrschen, solange der Süden ausgebeutet wird, solange ein Topmanager unverhältnismäßig viel mehr Geld verdient als eine Kindergärtnerin, genau so lange kann von realer Gleichberechtigung nicht die Rede sein. Denn wenn die Arbeit, die der Reproduktion der gesamten Gesellschaft dient, weniger wert ist als die Arbeit, die die Existenz von Menschen gefährdet und vernichtet, dann stimmt mit dieser Gesellschaft etwas ganz grundsätzlich nicht.

Mensch möchte meinen, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen sollte und nicht umgekehrt. Doch dem ist nicht so. Sonst würde „Arbeitslosigkeit“ als das erkannt, was sie ist: ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass sich alle mehr Freizeit gönnen könnten, wenn die Gesellschaftsordnung nicht verkehrt wäre. Denn dieses System erhebt Dinge zu Götzen und macht Menschen zu Dingen.

Um aber wieder auf die Geschlechterfrage zurückzukommen: Die Verschränkung von Patriarchat und Kapitalismus müssen sich emanzipatorisch gesinnte Menschen immer wieder ins Gedächtnis rufen. Feminismus kommt ohne eine fundamentale Kritik des Kapitalismus nicht aus. Im Umkehrschluss gilt aber auch: LINKE POLITIK IST FEMINISTISCH ODER SIE IST NICHT.

Roland Steixner