Facetten des Mangels

Zwei Medien, zwei Berichte. Der ORF-Tirol meldet am 12. September: „Fachkräftemangel trifft Tirol besonders. Etwa die Hälfte aller Unternehmen in Tirol beklagen einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.“ Einen Tag später titelt die Tiroler Tageszeitung: „Tirol bei den Löhnen Vorletzter“ und Alois Vahrner analysiert, dass die einst von der Wirtschaftskammer als „Ungeheuer von Loch Ness“ kritisierten Hauptverbands-Zahlen (andere, bessere Statistiken existieren nicht) leider weiter real sind und bringt diese noch mit den überdurchschnittlich hohen Lebenshaltungskosten (etwa bei Wohnen, Sprit und Gastronomie) in Verbindung.

Wenn Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung jetzt wieder einmal den Fachkräftemangel beklagen, dann sollten sie endlich erkennen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Höhe der Einkommen, den Lebenhaltungskosten und den Arbeitsbedingungen gibt. Tirol ist Tourismus geprägt und gerade diese Branche zeichnet sich durch schlechte Bezahlung bzw. Arbeitszeiten, die schwer mit Familien- und Privatleben vereinbar sind, aus. Aber auch bei den Gesundheits- und Pflegeberufen ist der Mangel Realität. Ist es daher unverständlich, dass es in diesen Bereichen schwer ist, genügend Auszubildende zu finden?

Dazu kommt nach, dass sowohl das Gastgewerbe, als auch der Pflegebereich, sogenannte Aussteigerbranchen sind, was den Fachkräftemangel noch zusätzlich verschärft. Aber kann man es den betroffenen Arbeitskräften verdenken, dass sie oder lieber in anderen Branchen arbeiten, wo Bezahlung und Arbeitsbedingungen besser und Beruf und Familie leichter vereinbar sind. Und die Möglichkeit in Zukunft ganz legal 60 Stunden in der Woche, zwölf am Tag arbeiten lassen zu können wird die Situation sicher nicht verbessern. Wer jetzt denkt „Wirtschaft“ denkt über die Verbesserung der Arbeitsbedingungen oder gar höhere Löhne nach, der irrt allerdings gewaltig.

Zugunsten ihres eigenes Säckel schreien sie viel lieber nach zusätzlichen Billigstarbeiter_innen. Die Mangelberufsliste muss „regionalisiert“ werden. Der ORF-Tirol schreibt diesbezüglich: „Die Wirtschaft fordert seit Längerem eine „Regionalisierung“, weil derzeit etwa ein Mangel an Köchen in Tirol nicht durch ausländische Arbeitskräfte ausgeglichen werden dürfe, wenn es in Wien zu viele arbeitslose Köche gebe.“

Wenn Herr Vahrner in TT meint, dass dieser Tiroler Istzustand regelmäßig von Opposition, ÖGB und Arbeiterkammer kritisiert wird, dann frage ich: Ungerechtigt?