GLB: Schere zwischen Überstunden und Teilzeit schließen

250 Millionen Über- und Mehrstunden im Jahre 2017, davon 45 Millionen Stunden ohne Bezahlung, weder in Form von Geld noch als Zeitausgleich, sind ein klares Argument für die Notwendigkeit einer raschen und allgemeinen Arbeitszeitverkürzung, konstatiert Josef Stingl, Bundesvorsitzender der Fraktion Gewerkschaftlicher Linksblock im ÖGB (GLB).

„Es darf nicht auf Dauer akzeptiert werden, dass auf der einen Seite immer mehr Menschen in prekäre Arbeitsverhältnisse abgedrängt werden und auf der anderen Seite durch Überstunden die Normalarbeitszeit weit über die 40 Stunden hinaus ausgedehnt wird“ so Stingl. Dieser Widerspruch ist vor allem auch ein geschlechtsspezifisches Problem: Während Überstunden vor allem Männern geleistet werden, geht die Prekarisierung vor allem zu Lasten der Frauen. So waren 2016 bereits 48,1 Prozent der Frauen nur mehr in Teilzeit beschäftigt, hingegen nur 10,7 Prozent der Männer.

Das kommt auch dadurch anschaulich zum Ausdruck, dass von 2004 bis 2014 zwar die Zahl der Beschäftigten um 11,9 Prozent, das geleistete Arbeitszeitvolumen hingegen nur um magere 0,6 Prozent gestiegen sind. Was im Klartext bedeutet, dass immer mehr Menschen in prekäre Teilzeitjobs abgedrängt werden, die mangels geringer Verdienste vielfach mit Leistungen der Mindestsicherung aufgestockt werden müssen, damit die Betroffenen überhaupt ihre Existenz finanzieren können.

Das Vorhaben der Regierung, auf Wunsch der Industrie den 12-Stundentag und die 60-Stundenwoche möglichst ohne Zuschläge zur Normalität zu machen ist daher völlig kontraproduktiv und würde das Missverhältnis weiter verschärfen: „Denn auch den Dümmsten ist klar, dass Teilzeit-Jobs auch entsprechend geringe Einkommen bedeuten, die Chance in einen Vollzeit-Job zu wechseln denkbar gering ist und sich das für die Betroffenen letztlich gravierend auf die Pension auswirkt“ betont Stingl.

Während die Produktivität der Wirtschaft massiv gestiegen ist hat sich seit der Einführung der 40-Stundenwoche im Jahre 1975 auf der gesetzlichen Ebene nichts mehr getan und auch auf betrieblicher und Branchenebene tut sich faktisch nichts mehr in Richtung Arbeitszeitverkürzung. Hingegen müsste nach Meinung von Experten angesichts der enormen Produktivität und Leistungsverdichtung eine Wochenarbeitszeit von 30 Stunden längst der neue Arbeitszeit-Standard sein. Natürlich in Verbindung mit einem vollen Lohn- und Personalausgleich, denn die indirekte Arbeitszeitverkürzung mit Lohn- und Jobverlust in Form der Arbeitslosigkeit und Teilzeitarbeit gibt es ohnehin schon längst.

Zu bedenken ist auch, dass Überstunden und längere Arbeitszeiten auf Kosten der Gesundheit gehen. Denn in vielen Betrieben werden Überstunden längst nicht mehr zur Abfederung von Auftragsspitzen angeordnet, sondern als Regellösung, ebenso wie statt Stammpersonal flexibles Leihpersonal eingesetzt wird. Vom ÖGB forcierte Maßnahmen wie eine Verteuerung von Überstunden können daher bestenfalls eine Übergangs-, sicher aber keine Dauerlösung sein.

Laut Eurostat lag Österreich 2015 nach Griechenland (44,5) gleichauf mit Großbritannien mit 42,9 Wochenstunden an der Spitze der tatsächlichen Wochenarbeitszeit bei Vollzeitarbeitsverhältnissen in der EU und das stellt wahrlich kein Ruhmesblatt für Österreich dar: „Es muss daher das Ziel der Gewerkschaften sein, solche Löhne und Arbeitszeiten zu erkämpfen, mit denen bei der normalen Arbeitszeit ohne Überstunden ein durchschnittlicher Lebensstandard erhalten werden kann“, so Stingl.