Jetzt schlägt’s 13!

Unbenannt 1(Über den Dominoeffekt der Flexibilisierung am Beispiel des Arbeitszeitmodells der Metallerinnen aus „Volksstimme“ Nr. 7-8 August 2016)

Die Länge der Arbeitszeit ist seit jeher ein umstrittenes Thema. Auf der Unternehmensseite steht der Wunsch das „Humankapital“ möglichst kostengünstig günstig einsetzen zu können, auf der Seite der Lohnabhängigen das Anliegen, ihre ständig steigende Arbeitsleistung nicht nur bei der Entlohnung, sondern auch durch die Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich vergütet zu bekommen.

„Flexibel, flexibler, und noch flexibler“ sind heutzutage die „Zauberworte“ in der aktuellen Arbeitszeitdebatte! Angeblich eine Win-Win-Situation für Unternehmen und Beschäftigte. Wieder einmal sind die MetallerInnen Vorreiter und haben ein noch flexibles Arbeitszeitmodell mit einem zusätzlichen Zeitkontenmodell vereinbart. Es tritt mit 1. Juli 2016 in Kraft, befristet für drei Jahre, um einen Erprobungszeitraum zu haben und gegebenenfalls Adaptierungen (schöner klingendes Wort für Ausdehnung) vornehmen zu können.

weckNach Abschluss einer Betriebsvereinbarung kann die Normalarbeitszeit nun flexibel bis auf 9 Stunden pro Tag und 45 Stunden pro Woche ausgedehnt werden, wenn im Durchschnitt 38,5 Stunden pro Woche nicht überschritten werden. Außerdem wurde die Möglichkeit geschaffen, nun Zeitguthaben mehrjährig (!?!) anzusammeln. Und, das Zeitguthaben darf bis zu 167 Stunden betragen.

Bleibt die Frage, wird damit den Werktätigen mit dem unentgeltlichen „13. Arbeitsmonat“ ein zinsloser Kredit an die UnternehmerInnen aufgebürdet? Beziehungsweise ist dieser durch die fehlenden Überstundenzuschläge nicht sogar ein Kredit mit Negativzinsen zu Ungunsten der Beschäftigten?

Einträchtiger Jubel

Die Wirtschaft ist zufrieden: „Ein Beispiel gelebter Sozialpartnerschaft“, freut sich Christian Knill, Obmann Maschinen-, Metallwaren- und Gießereiindustrie (FMMGI). Georg Kapsch, Präsident der Industriellenvereinigung (IV) wiederum meint, dass die beschlossene Flexibilisierung der Arbeitszeit „sehr freut“, aber nur „ein erster Schritt in die richtige Richtung“ zu einem flexibleren Arbeitsrecht mit bis zu zwölf Stunden Arbeitszeit pro Tag ist. „Das tut niemandem weh“, so Kapsch im O-Ton.

Auch die Gewerkschaftsspitzen freuen sich. „Das neue Zeitkontenmodell ist für die heimische Metallindustrie und ihre Beschäftigten eine weitere Möglichkeit, einerseits noch mehr notwendige betriebliche Flexibilität zu gewährleisten und andererseits die individuelle Mitgestaltung der Arbeitszeit für die Beschäftigten auszubauen“, lobt PRO-GE-Vorsitzender Rainer Wimmer (SPÖ) die neue Arbeitszeitvereinbarung.

Kritische Stimme in dem Flexibilisierung-Tohuwobohu ist der Gewerkschaftliche Linksblock im ÖGB (GLB). Dessen Vertreterin im Verhandlungsteam, Hilde Tragler, stimmte alleine gegen das Modell. Die vereinbarten Grenzen der Normalarbeitszeit bei mehrjähriger Ansammlung von Zeitguthaben sind lt. der ÖGB-Linksfraktion kein Schritt in Richtung Arbeitszeitverkürzung, sondern im Gegenteil zu deren Ausweitung nach den Bedürfnissen der Unternehmen.

Ein Blick zurück

Korrekterweise sei angemerkt, dass es zumindest in einigen Branchen über Kollektivverträge zu marginalen Arbeitszeit-Schritten auf 38 bzw. 38,5 Wochenstunden kam. Oft unter bzw. teilweisen Verzicht auf Lohn- und Gehaltserhöhungen, wie beispielsweise bei der ÖBB. Da wurde 2012 unter dem Druck einer Nulllohnrunde zustimmen zu müssen für das Jahr 2013 keine finanzielle Abgeltung, sondern eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 38,5 Stunden vereinbart. Anders gesagt, die Beschäftigten haben sich die Arbeitszeitverkürzung selbst bezahlt.

Trotzdem, insgesamt bewegte sich die öffentliche Diskussion der Arbeitszeit weg von der Verkürzung → hin zur Flexibilisierung → um bei der Ausweitung der Arbeitszeit anzukommen. Kaum war eine Flexibilisierungsmaßnahme beschlossen wurde die nächste von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung eingefordert. Angeblich nicht nur in ihrer, sondern auch ihrer Beschäftigten Interesse. Fakt bleibt, dass es bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit immer darum geht, Überstundenzuschläge einzusparen..

Lasche Gewerkschaftshaltung und immer frechere Vorstoße der Kapitalseite zeigen Wirkung. Jährlich fallen 269 Millionen Überstunden an, davon 57 Millionen unbezahlt oder ohne Zeitausgleich. Österreich liegt EU-weit bei durchschnittlichen Arbeitszeit bei Vollzeitarbeitsplätzen bei 41,5 Stunden pro Woche. Das ist der dritte Platz in der EU, nur in Großbritannien und Portugal wird noch länger gearbeitet.

Krankmacher Arbeit und Arbeitslosmacher Überstunden

Flexible Arbeitszeitmodelle und der Berg an immer kostengünstigerer Überstunden haben nicht nur Auswirkung auf die Einkommen. Der ständig steigende Stress und Arbeitsdruck sind auch ungesund. Jede dritte Frau und jeder fünfte Mann in Österreich muss wegen psychischer Erkrankungen frühzeitig in Pension. Seit Mitte der 90er-Jahre verdoppelten sich die Krankenstandstage wegen Psycho-Drucks. Durchschnittlich 37 Arbeitstage lang fallen Betroffene wegen seelischen Erkrankungen im Job aus.

Auch die höchste Arbeitslosigkeit der zweiten Republik – 405.570 inklusive Schulungsteilnehmer_innen gegenüber 41.591 offene Stellen im Mai 2016, kann nicht nur auf die Wirtschaftskrise reduziert werden. Flexibilisierung und Wochenarbeitszeit zeigen Wirkung – alleine die 269 Millionen Überstunden sind rechnerisch rund 144.000 Vollzeitarbeitsplätze.

Einen anderen Weg geht Schweden, genauer gesagt Göteborg. Dort wird mit dem Sechs-Stunden-Arbeitstag und der 30-Stunden-Woche experimentiert. Ein Pflegeheim, ein Krankenhaus, eine Fabrik und ein Tech-Startup hat das Weniger an Arbeitszeit und Mehr an Freizeit zu einem Mehr an Beschäftigten und zu einem weniger an Krankenständen geführt. Beschäftigte, Unternehmen und Gesellschaft tragen Gewinn in dem außergewöhnlichen Experiment.

Ein Stopp des Dominoeffekt Flexibilisierung ist sinnvoll. Der GLB hat dies mit der Aktion „Jetzt schlägt´s 13!“ auf den Punkt gebracht und fordert einen gesetzlichen Mindestlohn von 13 Euro für eine 30-Stundenwoche als neuen Standard für Österreich.