TT-Leserbrief zum Thema: „Ich steh’ auf Verantwortung“

Da ist wohl etwas durcheinandergeraten. Bitte, wo steht in der Bibel bzw. in den Evangelien etwas zur Gerechtigkeit für Leistungswillige? Jesus spricht von Liebe zu den Nächsten und davon, dass der Mensch das Gute, das er oder sie den Mitmenschen angedeihen lässt, ihm selbst tut. Und Papst Franziskus schlägt in dieselbe Kerbe und geißelt Gier und Habsucht der Superreichen und Mächtigen. Weg mit den Lohnnebenkosten? Die Frage löst eine Gegenfrage aus: Woher soll das Geld für Schulen, Spitäler, Forschung, ja und auch Bankenrettung oder Menschen, deren Arbeitsplatz einfach vernichtet wurde, kommen?

Bürgerliches Lebensgefühl heißt Freiheit und Sicherheit? Kann schon sein, aber es heißt auch Verantwortung und das Wissen, dass auch die heutige, industriell hochentwickelte Gesellschaft einer gewissen sozialen Balance bedarf, um zu funktionieren und um das kapitalistische System noch einige Zeit zu erhalten.

Weniger Staat, mehr privat? Es soll wohl heißen: privat, solange der Profit stimmt. Sobald ein Betrieb, eine Bank oder ein Großunternehmen durch Misswirtschaft, Betrügereien oder durch das Gesetz des Kapitalismus in Bedrängnis gerät, wird nach dem Staat gerufen und der Staat bedient sich der Angestellten und ArbeiterInnen. Diese müssen, ohne gefragt worden zu sein, mit ihren Steuern und ihren Bankguthaben, das sie praktisch ohne Zinsen zur Verfügung stellen müssen, einspringen, um zu retten, was zu retten ist.

Rosmarie Thüminger
(Tiroler Tageszeitung, 29.12.2016)