Verdi-Chef Frank Bsirske: „Freier Sonntag ist schützenswertes Gut“

Verdi-Chef Frank Bsirske fordert höhere Beiträge zur Rentenversicherung 
und verteidigt die Klagen seiner Gewerkschaft gegen verkaufsoffene Sonntage. Hier ein Auszug aus dem Interview, das gesamte Interview findet ihr unter www.lz.de.

Die heute Jungen zahlen für die heute Alten. Funktioniert dieses System überhaupt noch?

Bsirske: Das Umlagefinanzierte System hat sich bewährt. Seit seinem Bestehen hat es in Deutschland nur einen Monat gegeben, in dem die Renten nicht ausgezahlt wurden. Das war der Mai 1945.

Trotzdem drohen immer mehr deutsche Rentner in Altersarmut zu rutschen…

Bsirske: Gerade deshalb brauchen wir einen Kurswechsel in der Rentenpolitik. Die Talfahrt des Rentenniveaus muss gestoppt werden, ergänzt durch weitere Schritte, z.B. eine Zuschuss auf die Grundsicherung ohne Bedürftigkeitsprüfung,… Denkbar wäre z.B. auch, Zeiten im Niedriglohnbezug oder Zeiten der Kindererziehung höher zu bewerten. Das würde gerade Millionen von Frauen bessere Rentenansprüche zusichern.

Sie sagen selbst, Altersarmut folge auf Lohnarmut. Was muss sich am Arbeitsmarkt ändern?

Bsirske: Infolge der Agenda 2010 ist für viele Menschen die Unsicherheit zurückgekehrt, in Gestalt von Leiharbeit, befristeten Arbeitsverträgen, Niedriglohn und Minijobs. Was wir jetzt brauchen, ist eine neue Sicherheit der Arbeit mit dem Ziel: faire Löhne gegen Lohnarmut…

Sie kämpfen gegen prekäre Arbeitsbedingungen. Verdi macht aber auch Schlagzeilen mit Klagen gegen verkaufsoffene Sonntage. In Paderborn musste ein Einkaufssonntag kurzfristig abgesagt werden. Helfen Sie damit wirklich dem Handel?

Bsirske: Wir sehen den arbeitsfreien Sonntag als ein schützenswertes Gut an. Es gibt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das dies bestätigt, die Zahl der Einkaufssonntage begrenzt und an Anlässe bindet. Wir bestehen nur darauf, dass diesem Urteil Rechnung getragen wird, im Interesse der Arbeitnehmer.

Für viele Kommunen, die unter Leerständen und Konkurrenz des Online-Handels leiden, sind solche Tage aber sehr wichtig zur Belebung der Innenstädte…

Bsirske: Ich bezweifle ganz stark, dass sich die Konkurrenzsituation von Inhabern kleiner Geschäfte verbessert, wenn die Möglichkeit zu verkaufsoffenen Sonntagen entgrenzt wird. Am Ende wird das den Konzentrationsprozess im Einzelhandel nur weiter befeuern. Unabhängig davon: Unsere Klagen sollen helfen, dass auch die vielen Verkäuferinnen am Sonntag ihre freie Zeit mit der Familie verbringen können.

Was halten Sie von Unternehmer-Ideen, wie die der Bünting-Gruppe, Mitarbeitern den Lohn zum Teil in Gutscheinen auszubezahlen?

Bsirske: Als Dauerlösung taugt das nicht, schon allein, weil es die Rentenansprüche mindert. Über die Waren bekommen die Mitarbeiter keine Sozialversicherungsansprüche aufgebaut.

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