Vida-Chef Hebenstreit: „Brutaler Lohnraub“

profil: Die Regierung gibt den Sozialpartnern bis Juni Zeit, sich über eine Arbeitszeitflexibilisierung zu einigen. Die Wirtschaft sagt: Gearbeitet werden soll, wenn Arbeit anfällt. Was haben Sie dagegen?
Roman Hebenstreit: Flexibilisierung klingt schön. Wovon aber reden wir? Im Arbeitszeitgesetz geht es um Willensfreiheit. Der Arbeitnehmer ist im Verhältnis zum Arbeitgeber der Schwächere und soll geschützt werden, und zwar nicht nur im klassischen Sinne vor Gefahren für Leib und Leben, sondern auch gegen Willkür.

profil: Auf der anderen Seite steht die Drohkulisse, dass ohne Flexibilisierung Arbeitsplätze verloren gehen.
Hebenstreit: Das ist Schwachsinn. Bei der Arbeitszeit ist heute schon vieles möglich. Wir haben eine Unzahl an flexiblen Kollektivverträgen, die auch jetzt schon zwölf Stunden an Arbeitszeit zulassen. Aber da stimmen die Rahmenbedingungen. Sprich: Je weniger Planbarkeit, desto höher der Preis.

profil: Ist das nicht etwas übertrieben? Die Wirtschaft will zwölf Stunden Arbeitszeit pro Tag, 60 Stunden in der Woche und zwei Jahre Durchrechnung.
Hebenstreit: Wenn man zwei Jahre Zeit hat, bis die erste Überstunde anfällt, vernichtet man de facto alle Überstunden. Sie werden zwar geleistet, gelten aber als Normalarbeitszeit. Und jetzt rechnen Sie: In Österreich fallen jedes Jahr gut 200 Millionen bezahlte Überstunden an. Bei einem durchschnittlichen Überstundenzuschlag sind das in Summe 1,6 Milliarden Euro; ungesetzlich geleistete Überstunden nicht mitgerechnet. In Wirklichkeit nimmt man Arbeitnehmern so Milliarden an Euros weg.

profil: Angenommen, die Wirtschaft setzt sich mit ihren Forderungen durch: Hält die Gewerkschaft zum Ausgleich an einer sechsten Urlaubswoche fest?
Hebenstreit: Bei dem, was da jetzt auf dem Tisch liegt, wird das mit Sicherheit nicht ausreichen. Man wird über eine massive Arbeitszeitverkürzung und zusätzliche Ausgleichsmaßnahmen sprechen müssen.

profil: Damit wären wir beim Mindestlohn …
Hebenstreit: … und bei der Altersarmut. Wenn Menschen ein Leben lang im Niedriglohnbereich bleiben – der immerhin 360.000 Beschäftige zählt, zwei Drittel davon Frauen -, heißt das Abhängigkeit, nicht nur vom Arbeitgeber, sondern in vielen Fällen auch vom Lebenspartner. Dank der lebenslangen Durchrechnung für die Pension, heißt das darüber hinaus unvermeidbar Armut im Alter. Daher lautet mein Appell an die Regierung, egal, wer am Ruder ist: Bitte, die Dinge zu Ende denken!

profil: Gegen einen gesetzlichen Mindestlohn sträubt sich die Gewerkschaft. Was ist daran schlecht?
Hebenstreit: Wenn man anfängt, Mindestlöhne gesetzlich zu regeln, kann man sie höher machen, aber auch niedriger. Das ist das Problem. Ich gehe davon aus, dass wir uns als Sozialpartner das nicht aus der Hand nehmen lassen. Andererseits: Um unser Ziel 1700 Euro Mindestlohn zu erreichen, ist mir fast jedes Mittel recht. Notfalls auch ein gesetzlicher Mindestlohn von 1500 Euro.

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