Wenn Donnerstagabend schon Wochenende ist

Unter dem Schlagwort „Flexibilisierung der Arbeitszeit“ wird aktuell vor allem ein Mehr an Arbeit diskutiert. Einige Betriebe gehen in die andere Richtung: Freitag ist ein Tag, den die meisten Berufstätigen mögen. Gedanklich ist man schon bei den Wochenendplänen, die Arbeitswoche neigt sich dem Ende zu. Nicht so beim Grazer Technologieunternehmen für Fahrrad-Promotion, Bike Citizens:

Hier sitzen die Mitarbeiter am Freitagvormittag schon beim Brunch, sind auf dem Weg zu Ausflugszielen oder schlafen einfach nur gemütlich aus. Denn die Arbeitswoche dauert bei Bike Citizens nur bis Donnerstag. Geht es um flexiblere Arbeitszeiten denkt man aktuell an den zwölf-Stunden-Tag, über den die Sozialpartner noch bis Juni diskutieren.

Für Kritiker wie Jörg Flecker, Professor für Allgemeine Soziologie an der Uni Wien, geht die Debatte in die falsche Richtung. Arbeit müsse besser verteilt werden, sagt er: „Viele arbeiten lange und intensiv, andere gar nicht. Seit den 80ern ist die Arbeitszeitverkürzung ausgesetzt, vorher hat es das immer wieder gegeben.“ Statt über sinnvolle Beschäftigung nachzudenken werde immer davon ausgegangen, dass die Menschen für die Wirtschaft da sein sollen, sagt Flecker.

Einstimmiger Beschluss: Drei Tage Wochenende

Bei Bike Citizens hat man sich die Frage nach der „guten Arbeit“ gestellt: Im Sommer 2014 traf das Unternehmen die Entscheidung, seine Arbeitswoche von fünf auf vier Tage umzustellen. Anfangs gab es noch Unsicherheit, wie Geschäftspartner auf die eingeschränkte Erreichbarkeit reagieren würden. Nach einem halben Jahr Probezeit beschloss das Team dann aber einstimmig, die Vier-Tage-Woche beizubehalten. Am Montag sei man nach einem dreitägigen Wochenende einfach viel ausgeruhter und motivierter, sagt Johanna Kolb, die bei Bike Citizens arbeitet. Das hat auch die Geschäftsleitung bemerkt: Man verzeichne weniger Krankheitstage und eine fröhliche Stimmung im Büro, sagt Daniel Kofler, CEO und Gründer von Bike Citizens. Jedes Jahr wird evaluiert – die kürzere Woche hat von den Mitarbeitern 4,7 von 5 Punkten bekommen. Natürlich sei die neue Arbeitszeit auch fürs Employer-Branding gut. „Aber viele, die sich bewerben, können sich zunächst gar nichts unter der Vier-Tage-Woche vorstellen“, sagt Kofler. Inspiriert wurden die Grazer von einem Blog-Eintrag über ein US-Start-up, das es vorgemacht hat. Heute dienen sie als Vorbild: Ein befreundeter Unternehmer in Wien hat die kürzere Woche nun auch eingeführt, andere Unternehmer reagieren mit Interesse, erzählt Kofler.

Quelle: Der Standard: Hier geht’s zum gesamten Artikel